Dr. Wuff Titelbild
Zeichnung von Heidi Schneider

Dr. Wuff – Kapitel 2: Wuff

Wuff! Freitag, es ist noch früh. Herrchen sägt noch lautstark Bäume im Traum und ich bin grade in meinem Korb wach geworden. Ich wälze mich und schubbere meinen Rücken am Geflecht des Rattankorbes, das krault und massiert so schön. Das tut meinen alten Knochen gut!

Ich merke mein Alter immer mehr. Die 9 Jahre, die ich auf dem Buckel habe, zeigen langsam ihre Wirkung. Aber ich will mich nicht beklagen, immerhin geht es mir bei Weitem besser als der Mehrheit der Hundewelt!
Ich habe ein wunderbares, warmes Heim, mein Herrchen ist ein ganz feines Herrchen und ich musste noch nie Hunger oder Durst leiden. Auch gab es nie Gewalt oder ähnliches in meinem Leben.
Dennoch weiß ich, wie es sich anfühlt, wenn ein Hund leidet. Ich habe in meinen 9 Jahren in dieser Welt alles gehört, was ein Hund erleben kann, Freud und Leid, aber vor allem Leid.

Ziemlich früh habe ich erkannt, dass ich wesentlich mehr von der Menschensprache verstehe, als die meisten meiner Artgenossen. Mein Bruder Finny hat diese Gabe auch, der Rest vom Wurf leider nicht. Es gibt einfach gestricktere Hunde wie meine anderen Geschwister, es gibt aber auch richtig feinfühlige und sprachbegabte Hunde. Nur antworten, das können wir alle nicht.
Ich besitze ein feines Gespür für die Gefühle anderer, noch feiner, als die Nase eines Bluthundes. Herrchen sagt immer, ich bin ein Seelenleser, denn auch er hat mit der Zeit gemerkt, dass ich ganz genau verstehe, wie es ihm geht und was er gerade braucht. So sind wir über die Jahre ein tolles Team geworden und er zeigt mir mit seiner Liebe immer wieder, dass es nicht nur Leid in dieser Welt gibt. Ohne diesen Ausgleich könnte ich meine Arbeit nicht machen, denn dann wüsste ich wahrscheinlich nicht, wofür.

Mit dieser Frage kommen oft Patienten zu mir. “Wofür soll ich noch weiter wedeln?” und dann entgegne ich “Für das Schöne im Leben, denn davon gibt es ganz viel!”.

 

Ein Blick auf den im Dunkeln leuchtenden Radiowecker verrät mir, dass Herrchen noch mindestens eine Stunde weitersägen wird. Ich fühle mich aber schon ausgeschlafen, also werd ich erstmal eine Runde im Garten drehen.

Ich erhebe mich aus meinem Korb und strecke mich von den weißen Zehen bis in die inzwischen ergraute Schwanzspitze. Ach, das tut gut, wuff! Das Haus ist noch dunkel, aber der Mond scheint durch das große Wohnzimmerfenster und taucht den Raum in ein kühles Hell. Auf leisen Pfoten tapse ich durchs Wohnzimmer in die offene Küche, wo meine Näpfe stehen, und nehme erstmal einen großen Schluck Wasser. Schnute putzen muss sein!

Wir leben im Kölner Westen, ganz am Stadtrand, mit ganz viel Natur. Der Rest der Stadt ist nicht unbedingt mein persönlicher Wohlfühlort, aber hier draußen lässt es sich hervorragend leben für einen Naturliebhaber wie mich. Herrchen hat hier, noch bevor ich bei ihm einzog, ein altes Backsteinhaus gekauft, selbst renoviert und umgebaut. Unser Haus ist klein und gemütlich, genau wie ich. Es hat auf nur einen Etage alles zu bieten, was das Hundeherz begehrt. Da wäre mein großer Rattankorb im Schlafzimmer neben Herrchens großem Bett, in dem ich natürlich auch schlafen darf. Das durchgesessene Ledersofa, auf das wir uns meistens kuscheln und dabei vor dem Fernseher einschlafen. Und natürlich die Küche, die nur durch einen Esstisch vom Wohnzimmer abgetrennt ist. Das kleine Badezimmer passt mit seiner Größe zum Rest des Hauses, aber wir brauchen nicht viel Platz zum glücklich sein. Unser früher mal rotes Häuschen hat Herrchen cremefarben angestrichen und seitdem sieht es richtig freundlich aus, passend zu seinen Bewohnern. Er hatte bei der Planung außerdem wohl schon einen Hund mit eingeplant, denn er hat in weiser Voraussicht beim Umbau eine praktische Hundeklappe in die Tür von der Küche zum Garten eingebaut, die mir jetzt jederzeit den Gang hinaus ermöglicht.
Auf diese steuere ich nun zu. Die durchsichtige Klappe der Hundetür durchscheint der warme Schein unserer Gartenlaterne und vermischt sich mit dem kühlen Hell des Mondes. Es ist noch ganz still draußen, nicht mal die Vögel sind wach. Aber ich mag diese frühen Stunden, wo ich ganz in Ruhe nachdenken kann.

Ich schlüpfe durch die Hundeklappe und stehe auf unserer großen Terrasse, wo Herrchen im Sommer oft mit Freunden sitzt und “klönt”, wie er es nennt. Dabei wird viel gelacht und geredet und ich schnappe dabei hin und wieder lustige Anekdoten, aber auch Lebensweisheiten der Menschen auf. In unserem Garten mache ich meine Termine, empfange Patienten, veranstalte Kurse und Workshops und lebe mein Hundeleben voll aus, inklusive der Toilettenroutine. Seit einiger Zeit bin ich nicht mehr so gut zu Fuß, weshalb Herrchen nur noch selten lange Spaziergänge mit mir macht. Das ist mir aber auch lieber, so kann ich im Garten Termine wahrnehmen und mit meinem feinen Gespür anderen helfen.

Am Boden schnuppernd tapse ich meinen üblichen Weg entlang. Ach ist das herrlich, diese Ruhe am Morgen, die frische Luft und der Geruch nach Herbstlaub, den ich abgöttisch liebe. Ich inhaliere den Laubduft, doch halte dann abrupt inne und hebe den Kopf. Was ist das? Ein Rascheln an der Hecke, die unseren Garten umfasst! Meine wachsamen Augen blicken sich um und bleiben an etwas hängen, das seltsam vertraut aussieht. Es schleicht sich geduckt durch die Dunkelheit auf mich zu. Erst, als das Etwas in den Schein unserer Gartenlaterne tritt, erkenne ich, dass es Hugo ist, der Nachbarshund. Ein ganz armer Kerl. Und mein erster Patient des Tages.

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