Dr. Wuff Titelbild
Zeichnung von Heidi Schneider

Dr. Wuff – Kapitel 4: Paul

Paul ist mein Herrchen, seit ich als Welpe mit meinen Wurfgeschwistern in einem Tierheim landete.
Man hatte uns in einem Pappkarton einfach davor abgestellt. Das ist inzwischen fast genau 9 Jahre her, Herrchen hatte sich damals gerade mit einer kleinen Schreinerei am Stadtrand selbstständig gemacht und arbeitete nebenbei noch ehrenamtlich als “Handwerker vom Dienst” im besagten Tierheim.
Er war es, der nach Feierabend zum Tierheim kam um dort weiter zu arbeiten und dabei unsere provisorische Wurfbox entdeckte. Wer weiß, wie lange wir sonst dort gesessen hätten, in der Kälte und ohne Mutter und ihre so lebenswichtige Milch, denn niemand hatte beim Tierheim geklingelt und es gab noch keine Überwachungskamera vorm Eingang.

So fand Paul uns, wimmernd und zitternd, fünf kleine Havaneser Welpen, die niemand wollte. Er brachte uns ins Warme, alarmierte die Mitarbeiter des Tierheims und plötzlich waren da ganz viele warme Hände und Flaschen und Milch und ich erinnere mich noch ganz genau, dass Paul es war, auf dessen Bauch ich nach meiner ersten Mahlzeit im Heim seelig eingeschlafen bin.

Einige Wochen vergingen noch von unserer Rettung bis zu unserem Auszug, aber wir alle wuchsen zu stattlichen und gesunden Havanesern heran. Meine 3 Schwestern und mein Bruder fanden nach und nach ein Zuhause, in dem es ihnen bis heute sehr gut geht. Ich hatte meines schon vom ersten Tag an gefunden: Paul.

Paul hat mir in meinem Leben so oft davon erzählt, dass ich die Geschichte zu meiner Adoption und Namensgebung in und auswendig aus seiner Sicht erzählen kann:

“Du hast mich schon als kleiner Welpe angesehen, als würdest du danke sagen wollen. Damals, als ich euch ins Warme brachte. Diesen Blick werd ich nie vergessen, Wuff! Es war, als wüssten wir, was der andere denkt. Und dann kam da dieser kleine Ton aus dir raus, dieses klitzekleine “Wuff!” und da war es endgültig um mich geschehen! Ich hab dich noch in der selben Nacht adoptiert, auch wenn du noch mit deinen Geschwistern zusammen bleiben musstest, aber ich wusste einfach, du gehörst zu mir.”

Und damit hatte Paul absolut Recht. Denn nicht nur ich brauche ihn, er braucht auch mich.

Bevor Paul ehrenamtlich im Tierheim arbeitete, verbrachte er seine freie Zeit mit seiner Freundin Tanja. Er hat mir im Laufe der Jahre viel über sie und ihre gemeinsame Zeit erzählt und ich bin mir sicher, ich hätte sie gemocht. Sie war Kunstlehrerin an einer Grundschule, malte in ihrer Freizeit gerne die Natur und gab benachteiligten Kindern kostenlosen Zeichenunterricht in den Ferien. Sie muss ein wirklich lieber Mensch gewesen sein. Pauls Augen strahlen immer, wenn er von ihr erzählt, bevor sie anfangen vor Tränen zu schimmern.
Tanja hatte Krebs. Was das genau für eine Krankheit ist weiß ich nicht, ich weiß nur, dass es ganz schlimm werden und man daran sterben kann. Paul vermisst Tanja, jeden Tag. Deshalb hat er kurz nach ihrem Tod beschlossen, sich wie sie ehrenamtlich zu engagieren. Das örtliche Tierheim, das zufällig auf dem Weg zur Schreinerei lag, wirkte schon lange Zeit sehr baufällig und sanierungsbedürftig. Also hielt er eines Tages auf dem Weg nach Hause einfach dort an, fragte ob er gebraucht würde und fing sofort an, die ersten Türen zu reparieren. Keine 2 Monate später fand er uns.

Paul war unser Retter, er sagt aber auch oft, dass ich ihn vor etwas Dummem bewahrt habe. Ich möchte mir nicht ausmalen, was das ist, aber ich bin froh, dass wir einander haben.

Seit meinem Einzug hat Paul sich sehr verändert. Anfangs lag er oft Nächte lang wach und weinte dabei leise. Ich unschuldiger Welpe schleckte dann über seine Hände, seine Arme, wenn ich dran kam auch sein Gesicht, aber ich konnte ihn nicht von seiner Trauer befreien. Ich konnte ihm nur helfen, das Schöne im Leben nicht aus den Augen zu verlieren. Er sagt oft “Zeit heilt alle Wunden”, aber wir beide wissen, dass Narben bleiben und hin und wieder jucken.

Meine Welpenzeit half ihm aber wohl, denn er war ständig damit beschäftigt, mich anstatt seiner Augen pinkeln zu lassen. Das und der allmählig einkehrende Rhytmus sorgte dafür, dass Paul wieder zu leben begann. Er fing plötzlich an sich regelmäßig zu rasieren, was ich sehr komisch fand, denn Menschen haben ja sowieso schon kaum Fell. Bei meinem Einzug trug er ganz dichtes Fell im Gesicht, daraus war schließlich ein gepflegter Dreitagebart, wie Menschen die paar Stoppeln nennen, geworden. Und genau so, wie er auf eine gesunde Ernährung für mich achtete, tat er es plötzlich auch für sich selbst. So kam Paul jeden Tag nach der Arbeit mit frischen Einkäufen nach Hause, wusch sich seine rauen Schreiner-Hände und schnibbelte uns beiden ein leckeres Abendessen. Und seit ich mich erinnere, verbringen wir danach den Abend gemeinsam auf dem durchgesessenen alten Ledersofa, das Tanja mal gehört hat, kuscheln während Paul einen Film schaut und schlafen dabei hin und wieder auch mal ein. Wir sind halt nicht mehr die Jüngsten.

Letzten Sommer ist Paul 42 geworden. Ich bin in Hundejahren zwar wesentlich älter, aber mir sieht man das bis auf ein paar graue Fellsträhnen in meinem weiß-braunen Fell nicht so an. Pauls blondes Fell steht ihm immer in wirren Locken vom Kopf ab, mal mehr, mal weniger, je nachdem, wie lange der letzte Friseurbesuch her ist. Wir machen schon seit meiner Welpenzeit alle sechs bis acht Wochen einen gemeinsamen Friseur-Tag, an dem erst mein Fell geschnitten wird und dann das von Paul. Ich mag das zwar nicht so, aber was macht man nicht alles mit, damit das Herrchen nicht zu verlottert aussieht.

Mein Herrchen ist in letzter Zeit irgendwie nachdenklicher als sonst. Ich habe noch nicht raus gefunden, woran das liegen könnte, denn seine Gedanken lesen kann ich leider nicht. Aber manchmal sitzt er einfach nur da und schaut auf den Tisch, oder auf seine Hände, oder in die Luft. Sowas machen nur Tiere und nachdenkliche Menschen. Ich werde das beobachten..

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