Dr. Wuff Titelbild
Zeichnung von Heidi Schneider

Dr. Wuff – Kapitel 6: Nelly

Es ist fast 15 Uhr und Paul macht endlich Feierabend. Er kommt ins Büro und ruft “Komm, Wuff! Auf ins Tierheim!” und klopft sich dabei auf die staubige Arbeitshose. Ich springe so schnell ich kann auf, früher ging das mal schneller, aber ich gebe mir Mühe. Paul lächelt mich verständnisvoll an und hebt mich vom Podest runter. Wir laufen gemeinsam zum Auto, ich trabe glücklich neben Herrchen her.
Herrchen lässt mich schon mal auf den Beifahrersitz. “Bin gleich wieder da.” sagt er, bevor er zurück in die Werkstatt geht. Nanu? Was hat er denn vor? Nach einem kurzen Moment sehe ich ihn mit Holzlatten auf der Schulter wieder zum Auto laufen. Achja, der Sonderauftrag!
Es braucht eine Weile, die Latten sicher auf dem Gepäckträger zu befestigen und ich ducke mich reflexartig unter dem Gepolter auf dem Autodach. Danach trottet Paul noch zum Werkstatttor zurück um abzuschließen und nimmt dann endlich neben mir Platz. Beide sicher angeschnallt, fahren wir in Richtung Tierheim.

Keine 5 Minuten später biegen wir in die Einfahrt des Tierheims ein. Am Ende der Einfahrt liegt das kleine Bürogebäude leicht erhöht. Direkt daneben führt ein Tor zu einer großen, hölzern umzäunten Freilauffläche, dahinter liegen die Boxen der Tierheimhunde und einige Gemeinschaftsräume. Dank Paul wurden inzwischen sämtliche Dächer der Boxen erneuert, Zäune geflickt und zusätzliche Flächen abgetrennt. Außerdem hat er die Geräte für einen kleinen Agility-Platz gebaut, damit sich die Hunde richtig austoben können, die Spaß daran haben. Seitdem Interessenten bei Bettinas Training mit den Tierheimhunden zuschauen können, werden viel mehr Hunde adoptiert. Das finde ich toll, das hat mein Herrchen gut gemacht!

Ich werde schon ganz unruhig auf dem Beifahrersitz, ich freue mich auf Finny und Bettina und all die anderen lieben Seelen hier. Noch bevor Paul richtig eingeparkt hat löst er meinen Sicherheitsgurt und öffnet mir die Beifahrertür, aus der ich mit einem Satz raus hüpfe und den Kiesweg zum Büro entlang sprinte. Jetzt kann mich nichts mehr halten! Aus der Tür des Bürogebäudes schaut Finny schon neugierig durch die Hundeklappe. An der Tür angekommen begrüßen wir uns schnuppernd, Finnys Kopf immer noch durch die Hundetür gesteckt. “Wuff! Gut, dass du da bist! Wir haben eine neue Bewohnerin, die pausenlos weint. Das zerreißt mein Herz Wuff, bitte sprich mit ihr!” wufft er mir zu. “Hey Finny, ohje, das klingt schlimm. Was weißt du denn über sie?” – “Sie heißt Nelly.” – “Und was weißt du noch?” in dem Moment tritt Bettina hinter Finny, er zieht den Kopf aus der Hundeklappe und Bettina öffnet die Eingangstür nach außen.

“Hey Paul! Warte ich helf dir!” ruft sie Herrchen entgegen, der bereits dabei ist das Baumaterial vom Wagen zu laden. Bettina wuschelt mir kurz zur Begrüßung über den Kopf und läuft zum Auto, um Herrchen beim Tragen zu helfen. Obwohl das Herbstwetter eigentlich zu kalt dafür ist, trägt sie keine Jacke über dem kurzärmeligen Tierheim-Shirt, aber Bettina ist eher von der robusten Sorte. Ihr Fell auf dem Kopf ist praktisch kurz und ihre kräftigen Arme können richtig anpacken. Davon wurde ich schon oft Zeuge, während sie Herrchen bei den Reparaturen geholfen hat. “Danke, dass das so schnell geklappt hat! Wir müssen wirklich dringend einen Sichtschutz für Nelly bauen, sie ist total panisch und verstört. Es war kaum möglich, ihren Chip auszulesen und sie zu scheren.” – “Sie ist gechippt? Ich dachte, sie wäre ein Straßenhund?” – “Sie hat wohl nur ein paar Wochen auf der Straße gelebt, seit ihr Frauchen im Krankenhaus liegt.” höre ich Bettina noch sagen, bevor sie mit Paul das Holz in die zur Werkstatt umfunktionierten Garage bringt.

Finny und ich haben den selben Gedanken und machen uns auf leisen Pfoten hinterher, um keine Infos zu verpassen. “..seitdem im Koma. Die arme Frau, ist vielleicht auch besser, wenn sie nicht weiß, was passiert ist.” – “Und wie gehört Nelly jetzt da rein?” – “Sie muss gerade noch rechtzeitig raus gekommen sein, bevor der Dachstuhl komplett eingestürzt ist. Ich hab mit Thomas gesprochen, der arbeitet ja bei der Feuerwehr. Er meinte, die Frau hatte wahnsinniges Glück, sie kam gerade nach Hause als das Treppenhaus lichterloh in Flammen stand und wurde beim panischen Versuch die Tür zur Wohnung zu Öffnen von einem Balken getroffen. Fast im selben Moment traf die Feuerwehr ein und hat sie bergen können, aber für ihren Mann und ihr Baby war es da schon zu spät.” – “Das ist so schrecklich! Und seitdem hat Nelly sich alleine durchgeschlagen?” – “Ja, offenbar. Ihr schlechter Zustand und wie sie gefunden wurde lässt auf jeden Fall darauf schließen. Sie war fast schwarz vor Dreck und Ruß, der wahrscheinlich noch vom Brand stammte, das Fell total verfilzt und voller Läuse. Seit Mittwoch gab es immer wieder Meldungen aus der Gegend über sie. Ganz früh heute Morgen wurde sie uns gebracht. Ein kleiner Junge hatte sie auf dem Schulweg in einer Hecke entdeckt und zu sich locken und festhalten können, die Mutter hat sie dann in einem Karton hergebracht. Wir haben sie unter Schreien und Bissen scheren und baden müssen. Jetzt sitzt sie zusammen gekauert und zitternd in der Küche unter der Bank, dort hat sie halbwegs ihre Ruhe. Aber eine Dauerlösung ist das nicht.” – “Dann lass mich mal loslegen, damit die arme Nelly heute noch einen Sichtschutz bekommt.” sagt Herrchen voller Tatendrang und schnappt sich den Akkuschrauber. “Welche Box soll es werden? Am besten die letzte, oder?” fragt er Bettina. “Ja, genau die, da hat sie am wenigsten Kontakt zu den anderen und kann erstmal etwas zur Ruhe kommen. Sag Bescheid, wenn du Hilfe brauchst. Ich lade solange die Neuankömmlinge hoch.” sagt Bettina noch im Weggehen.

Ich schaue Finny an und wir sind uns wieder mal einig, wir müssen zu Nelly. Wir folgen Bettina zurück ins Haus, wo sie im Büro weiter die Bilder der Neuzugänge hochlädt und in die Homepage des Tierheims einfügt. Finny und ich setzen uns derweil im winzigen Flur vor die geschlossene Küchentür und lauschen.
Ein ganz leises Wimmern ist zu hören, mit ganz lautem Schmerz darin. “Nelly, hier ist Wuff.” Das Wimmern wird lauter, Angst mischt sich hinein. “Hab keine Angst Nelly, dir passiert hier nichts, du bist hier sicher!” rufe ich ihr in Gedanken beruhigend zu. “Das hat Frauli auch gesagt und jetzt sind alle tot!” schreit es voller Verzweiflung aus der Küche zurück. Alle? Moment mal, da war doch was! “Dein Frauchen lebt!” und das Wimmern verstummt.

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