Dr. Wuff Titelbild
Zeichnung von Heidi Schneider

Dr. Wuff – Kapitel 7: Sie lebt!

“Sie lebt?”

Es klingt, als hätte Nelly all ihre Sehnsucht und Hoffnung in diese zwei Worte gelegt. “Ja Nelly, sie lebt. Du bist nicht allein.” wuffe ich und höre sie wieder leise wimmern. “Nelly?” In dem Moment kommt Paul zur Tür rein und sieht Finny und mich im Flur vor der Küchentür sitzen. “Na ihr zwei Rabauken, habt ihr Hunger? Die Küche bleibt heute leider geschlossen, dort ist ein Gast drin. Kommt mal mit, ich wette, Bettina hat noch was leckeres in der Schublade.” sagt er und fordert uns mit einer Handbewegung auf, ihm ins Büro zu folgen. Ich beschließe, mich später mit Nelly zu unterhalten und trabe mit Finny neben Paul ins Büro.

“Bettina, hast du Leckerlis für die Hunde und ein paar Hände für mich? Ich muss wissen, bis wohin genau die Abtrennung gehen soll.” – “Oh bist du schon so weit? Klar, warte ich komm mit.” antwortet Bettina, erstaunt über Pauls flotte Arbeit, und kramt in der offenen Schublade. Ich höre es knistern und setze mich brav und erwartungsvoll wedelnd hin. Finny ist der Stürmischere von uns, er hüpft seinem Frauchen ans Knie und fordert sein Leckerli regelrecht ein. Bettina kann ihm aber nichts abschlagen, deshalb hat er auch ein paar Gramm mehr unterm Fell als ich. Er schnappt sich den Kaustick aus ihrer Hand und stößt sich sogleich mit den Vorderpfoten von ihrem Knie ab, um seine Beute in einer ruhigen Ecke zu zerkauen. Ich schaue ihm grinsend hinterher und dann sofort wieder auf Bettinas Hände. Da, da ist meins! Da werde auch ich ganz aufgeregt und stelle mich auf die Hinterbeine. Ich bin halt auch nur ein kleiner Hund mit einem riesigen Magen. Ich schnappe mir ebenfalls den Kaustick und mache es Finny nach. Paul und Bettina gehen derweil nach draußen und lassen uns gemütlich nagend im Büro zurück.

Ich nutze den Moment und frage meinen schmatzenden Bruder: “Finny, was meinst du? Was ist Nelly zugestoßen? Der Brand im alten Hof ist Wochen her.” – “Ich weiß nicht Wuff, ich hör die ganze Zeit nur ihr Wimmern und Weinen und es zerreißt mir das Herz. Du musst ihr helfen!” sagt Finny und stößt ein lautes Schnuffen aus. Ich lasse meinen Kaustick liegen und schleiche mich zurück zur Küchentür, hinter der ich Nelly leise weinen höre. Und ich lausche. Denn was den Menschen abhanden gekommen ist, können Tiere nach wie vor.

“Frauli lebt.. Frauli lebt.. wie kann das sein.. Frauli lebt.. ich konnte sie nicht retten.. ich konnte keinen retten.. Frauli lebt.. wo ist Frauli.. aber Frauli lebt.. ich muss zu Frauli.. dieser Mann.. aber Frauli lebt..” Ich spüre ihren Schmerz, der so weh tut, dass es mich fast zerreißt. Ich kehre zurück in meine Gedanken und schnaufe erschöpft. Gegen die Küchentür starrend sitze ich noch eine Weile da und mache mir Gedanken, wie ich Nelly am besten aus ihrem Zustand befreien kann. Finny gesellt sich zu mir und legt sich an mich gedrängt auf die Fliesen vor der Tür. Es tut gut, die Wärme meines Bruders in dieser Situation zu spüren. Ich wünschte, wir könnten Nelly diese Wärme geben.
Da kommt mir eine Idee: “Finny, was hältst du von einem kleinen Einbruch?” frage ich verschmitzt in seine Richtung. Er hebt den Kopf und sieht mich skeptisch an. “Du meinst..?” – “Ich meine” und er weiß sofort, was zu tun ist. Das haben wir schon oft so gemacht, wenn Türen zwischen uns und unserem Ziel lagen. Und immer dachten die Menschen danach, sie hätten die Tür nicht richtig geschlossen, denn wer wäre auf die Idee gekommen, dass wir zwei kleine Havaneser-Jungs die Tür geöffnet hätten?
Ich stelle mich parallel zur Tür, ganz nah dran. Finny hüpft vorsichtig auf meinen Rücken, balanciert dann mit den Hinterpfoten auf meinem Kopf und der Nase in der Luft und schafft es mit ganz viel Strecken gerade so, die Türklinke mit den Zähnen zu erwischen. In Sekundenschnelle flitscht ihm die nach unten gezogene Türklinke aus der Schnauze und die Tür öffnet sich zur Küche hinein. Finny, der sich mit den Vorderpfoten an der Tür abgestützt hatte, rutscht von meinem Kopf ab nach vorne und landet unsanft auf der Nase. Den Schmerz wegschüttelnd rappelt er sich auf, aber ich nehme ihn nicht mehr wahr. Ich sehe Nelly.

Ein kleiner, zitternder, kurz geschorener, weißer Körper sitzt unter der Eckbank in der kuschelig warmen Küche. Die Knopfaugen sehen sich suchend um, Panik steht darin geschrieben. Die Rute klemmt zwischen den Hinterbeinen und die Ohren sind angelegt. Ich sehe sie. Ich gehe an Finny vorbei, der immer noch bedröppelt da steht, und setze mich vor den Küchenschrank, weit genug entfernt von der Eckbank. Ich will sie nicht in die Ecke drängen, in der sie schon sitzt.
“Du bist hier sicher, niemand wird dir etwas tun” flüstere ich ihr gedanklich zu. Es hilft nicht, sie drückt sich dennoch ängstlich an die Wand und rutscht dabei mit den Pfoten immer wieder auf den Fliesen weg und deutet ein Zähnefletschen an. “Ruhig Nelly, wir tun dir nichts. Mein Name ist Dr. Wuff und ich glaube ich kann dir helfen. Das da ist Finny, mein Bruder” sage ich in ruhigem Ton. Beim letzten Wort gehen ihre Ohren nach oben, wenn auch nur für einen kurzen Moment. “Ich hatte auch einen Bruder. Einen Menschen-Bruder.” kommt in zittrigem Ton aus ihr heraus und sie schaut mit elendig trauriger Miene zu Boden. “Nelly, es ist wichtig, dass du mir zuhörst. Die Menschen sind gleich wieder da. Sie wollen dir hier nur helfen. Bitte versuch nach vorne zu schauen, dein Frauchen lebt und sie wird dich brauchen, wenn sie aus dem Krankenhaus kommt! Darauf werden wir hinarbeiten und ich verspreche dir, dass dir hier niemand etwas tun wird.” versuche ich sie zu überzeugen und unterwerfe mich, indem ich mich verbeuge, um meine guten Absichten zu unterstreichen. Finny tut es mir im selben Moment gleich, was bei Nelly seine Wirkung nicht verfehlt. Sie blickt verunsichert zwischen Finny und mir hin und her und es macht den Anschein, als wolle sie etwas erwidern, doch dazu kommt es nicht mehr. Drei Ohrenpaare drehen sich gleichzeitig zur Tür, aus deren Richtung die Geräusche von draußen herein dringen. Bettina und Paul gehen geräuschvoll den leicht ansteigenden Kiesweg zum Büro hoch und plaudern dabei ausgelassen. Finny ist als Erster durch die Tür, ich folge ihm und rufe im Laufen noch nach hinten “Nelly, mach die Tür zu!” in der Hoffnung, dass sie versteht. Wir flitzen aus der Küche um die Ecke ins Büro und legen uns schnaufend in die Kuschelecke zu unseren Kaustangen.

“Kirsten hat das zig mal durchgerechnet, die Kosten für das Weihnachtsfest überstiegen unser Budget. Wenn bis zum Winter kein Wunder passiert weiß ich nicht, wie wir an unserer Tradition festhalten sollen.” hören wir Bettina zu Paul sagen, während beide zur Tür rein kommen, als wäre nichts gewesen. “Habt ihr vorher nochmal einen Flohmarkt oder sowas? Vielleicht könnte ich kleine Holzspielzeuge bauen und euch für den Verkauf spenden.” erwidert Paul und lässt sich auf einem der Bürostühle nieder. “Ach Paul, du wieder, du bist einfach ein Schatz! Danke dir! Ich sprech mal mit meinem Tantchen, mal schauen, was wir organisieren können.” freut sich Bettina. Herrchen ist so lieb. Ich mag mein Herrchen für diese kleinen Gesten. 

Ich stehe auf und trotte zu ihm, stelle mich auf die Hinterbeine und stütze mich an seinem Oberschenkel ab, um mir ein paar Streicheleinheiten abzuholen. Von dieser Position aus kann ich in den Flur schauen, auf die verschlossene Küchentür. Vielleicht ist Nelly aus ihrer Schockstarre erwacht.

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