Zeichnung von Heidi Schneider

Dr. Wuff – Kapitel 9: Nellys 1. Therapiestunde

Als der Futtertrubel vorbei und die Herbstsonne bereits unter gegangen ist, sitzen Paul und Bettina noch in der Küche, um den bevorstehenden Flohmarkt zu planen. Finny und ich liegen dabei gemütlich dösend unter der Sitzbank und verdauen unsere Portionen und die Erlebnisse des Tages. Ein in die Einfahrt fahrendes Auto lässt uns alle aufhorchen. “Ah, da ist sie ja! Hab mich schon gewundert, wo Kirsten bleibt.” sagt Bettina und steht auf, um Kirsten die Tür zu öffnen. Da schießt Finny schon an ihr vorbei und auf Kirsten zu, um sie zu begrüßen. “Na, du tust immer so, als war ich Tage lang weg, kleiner Mann! Ich hab dich auch vermisst, ist ja gut Finny.” sagt Kirsten und lacht herzhaft aus heiserer Kehle. Ihr immer noch kraftvolles Lachen bahnt sich seinen Weg durch die von Krankheit und Alter gezeichneten Stimmbänder und verrät die mächtige Stimme, die Kirsten einmal hatte.

Die alte Dame, die nach einem ganzen Leben als Buchhalterin mit ihren Ersparnissen das in Not geratene kleine Tierheim am Stadtrand kaufte, um es vor der Schließung zu retten, ist zwar schon in ihren Siebzigern und nicht mehr gut zu Fuß, aber ansonsten unerschütterlich. Von Finny begleitet kommt sie langsam zur Tür herein und setzt sich zu Paul auf die Bank. Ich stelle mich direkt auf die Hinterbeine und stütze mich an ihrem guten Bein ab, um sie auch zu begrüßen. “Paul, Wuff, schön euch zu sehen! Was macht das Leben Paul? Was gibt es neues?” eröffnet Kirsten die Unterhaltung, während Bettina noch einen Kaffee aufsetzt. 

Als die Menschen sich in ihre Gespräche vertiefen, fällt mir die offene Küchentür auf. Sie war geschlossen, damit die Wärme der Heizung nicht entweicht, aber Bettina hat wohl vergessen sie zu schließen. “Finny, ich will noch mal nach Nelly schauen, kannst du die Menschen ablenken?” wuffe ich meinem nickenden Bruder zu, der so gleich anfängt, Bettinas Knie anzustupsen. Alle sechs Menschenaugen wandern unter den Tisch, als Bettina ihren nach Aufmerksamkeit bettelnden Finny unterm Tisch anspricht. Ich nutze den Moment und tapse leisen Pfötchens aus der Küche durch den kleinen Flur und ab durch die Hundeklappe. Ich höre Paul nicht rufen, also hat es wohl funktioniert. Ich renne los in Richtung der Hundeboxen, rufe gedanklich einen Gruß voraus, damit ich niemanden aufschrecke. Schon am Anfang der Boxenreihen höre ich Nellys herzzerreißendes Weinen, ich habe noch nie solch ein Weinen gehört und es geht durchs Mark bis in die Schwanzspitze. Ich renne vorbei an mitleidig drein blickenden Hundeaugen, die alle verstehen, warum ich hier bin. Vor Nellys Box bleibe ich schließlich stehen.

Nelly wirft gerade den Kopf in den Nacken, um ein weiteres Mal zum Ruf nach ihrem Rudel anzusetzen. “Nelly, Nelly ich bin da! Beruhige dich! Du bist nicht allein!” versuche ich ihr Weinen zu unterbrechen. Sie erschrikt und springt reflexartig hinter die Transportbox, die immer noch in ihrem Gehege steht. “Geh weg!” bellt sie mich an, aber davon lasse ich mich nicht wegschicken. “Nelly, ich will dir helfen, aber dafür musst du dich beruhigen und mit mir sprechen!” – “Du kannst mir nicht helfen! Mein Rudel ist tot!” sagt sie zähnefletschend. “Dein Frauchen nicht, dein Frauchen lebt und sie braucht dich! Auch ihr Rudel ist bis auf dich gestorben.” – “Frauli.. Wo ist Frauli?” fragt sie hoffnungsvoll. “Dein Frauli schläft einen tiefen Schlaf um gesund zu werden. Sie ist nicht hier, aber das wird sie sein. Und bis dahin sind Bettina, Kirsten und Finny hier. Sie passen auf dich auf, damit du auch gesund werden kannst.” rede ich beruhigend auf sie ein. Ihre Gesichtszüge entspannen sich ein wenig. “Was soll ich nur tun? Wie kann ich je wieder gut machen, dass ich unser Rudel nicht beschützen konnte Wuff?” spricht sie mich zum ersten Mal mit Namen an. “Es gibt Gefahren, vor denen kannst du dein Rudel nicht beschützen. Das Feuer war nicht deine Schuld!” – “Das Feuer, ja, da war ein Feuer! Ich habe Herrchen geweckt und er hat Jonas aus seinem Bett geholt, aber es war schon zu spät! Die ganze Decke hat gebrannt und Feuer hat auf uns geregnet!” Nellys Gedanken überschlagen sich. “Nelly, versuch dich zu beruhigen und mir alles zu erzählen was du möchtest. Lass es raus, du kannst die Erlebnisse nicht allein verarbeiten.” – “Danke Wuff!” sagt sie und zeigt mir damit, dass sie bereit für die erste Sitzung von vielen ist.

“Ich bin wach geworden, weil es komisch roch und ich Geräusche gehört hab, über uns. Da brannte das Dach schon und das Feuer fraß sich durch die Decke zu uns. Ich bin sofort zu Herrchen und hab ihn mit meinem Gebell geweckt und er hat schnell reagiert und Jonas geholt. Aber Wuff, es war zu spät. Ich war zu spät.” fügt Nelly traurig hinzu und senkt den Kopf. “Alles war voller Rauch! Herrchen hatte Jonas auf dem Arm und hat mir hustend zugerufen “Raus hier Nelly!”, aber ich wollte nicht von seiner Seite weichen. Erst, als das Dach über uns zusammen gebrochen und die Fensterscheiben zerbrochen sind, habe ich mich mit einem Sprung durch das kaputte Fenster retten können. Ich bin in einem Busch gelandet, der meinen Sprung abgefangen hat. Als ich mich daraus befreit hatte stand da ein Mann, der mich komisch angesehen hat. Sein Mund hat gelächelt, aber seine Augen nicht. Er hat nach mir getreten, aber ich bin schnell weg gelaufen. Fraulis Auto stand in der Straße, das hab ich direkt gerochen und mich darunter versteckt. Da wusste ich, dass auch Frauli schon von der Spätschicht nach Hause gekommen und im Feuer gestorben war. Als die lauten Sirenen kamen hab ich Angst bekommen und bin aus meinem Versteck gekrochen und weg gelaufen, aber nicht weit weg, ich wollte nicht weg von meinen Menschen und meinem Zuhause. Ich vermisse sie so schrecklich Wuff!” beendet Nelly den Satz mit einem leisen Winseln.
Ich trete ganz nah an die Gittertür von Nellys Box und sage in ruhigem Ton “Du warst sehr mutig Nelly! Du hast alles getan was du konntest, um dein Rudel zu beschützen. Du bist ein gutes Mädchen und das wusste dein Herrchen, deshalb wollte er dich schützen. Und jetzt schützen wir dich und sind für dich da, damit du bald wieder für dein Frauli da sein kannst. Sie braucht dich jetzt mehr denn je.” – “Ich bin für Frauli da, immer! Ich wünschte, ich könnte bei ihr sein und ihr Gesicht ablecken um sie aufzuwecken, so wie früher.” – “Das wirst du sicher bald wieder können, Nelly. Was geschehen ist, ist unendlich traurig. Aber deine Liebe zu deinem Frauli ist genau so unendlich. Erinnere dich immer daran.” versuche ich sie aufzumuntern. “Danke Wuff, danke, dass ihr da seid!” sagt Nelly nun merklich ruhiger. In dem Moment höre ich Paul nach mir rufen: “Wuuuhuuff! Wo bist du? Komm hier her Wuff!”. Ich schnuffe Nelly einen Nachtgruß zu und renne zurück zum Bürohaus. Paul steht davor, die Autoschlüssel schon in der Hand und bereit nach Hause zu fahren. “Wo warst du denn Wuff? Hast du Nelly besucht? Magst du sie? Na komm, fahren wir nach Hause. Morgen haben wir viel vor!” sagt Herrchen freudig und nimmt mich auf den Arm, um mich sogleich auf meinen Platz auf der Beifahrerseite zu setzen und anzuschnallen.

Während der kurzen Fahrt nach Hause denke ich über das Gespräch mit Nelly nach. Sie hat die Schockstarre überwunden und sich geöffnet, sie ist auf einem guten Weg. Wichtig ist, dass sie das Gute nicht aus den Augen verliert, dann wird sie sicher schnell genesen.
Ich frage mich, was Paul und ich morgen vor haben. Als könnte er Gedanken lesen, sagt er als wir vor dem Haus vorfahren “Morgen früh fahren wir in die Werkstatt und bauen ein paar Dinge für den Flohmarkt. Dabei kannst du mir helfen Wuff, da soll nämlich dein Pfotenabdruck drauf. Mal schauen wie das klappt.” sagt Paul halb zu sich selbst, während er mich abschnallt und seine Sachen aus dem Fahrerraum zusammen sucht. “Na komm, rein ins Haus mit uns, es ist schon spät und wir müssen morgen früh aufstehen.”

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